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Zahl der Tropennächte in Wien am Weg zum Rekordwert

Kommentar Klimafolgen Wirtschaft Biodiversität
Dienstag, 13.08.2024
Ost-Österreich erlebt einen Hitzesommer. Katharina Rogenhofer erklärt die Zahlen, welche Auswirkungen die Temperaturen auf Mensch, Natur und Wirtschaft haben und welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen.

Dieser Text erschien als Kolumne bei Newsflix.at

In dieser Woche strebt Wien einem neuen Hitzehöhepunkt entgegen. Schon über Wochen ist es jetzt fast ununterbrochen unaushaltbar heiß, bis zu 35 Grad sollen es in Wien am Mittwoch werden. Ein Hitzetag folgt dem nächsten, eine Tropennacht der anderen. Konkret bedeutet das: Untertags überschreitet die Temperatur 30 Grad Celsius, in der Nacht sinkt sie nicht unter 20 Grad. Wer sich jetzt denkt, dass das schon immer so war und wo denn dabei das Problem liegt, liest am besten weiter.

War das nicht schon immer so?

Viele meinen, so heiße Sommer hätte es immer schon gegeben. Werfen wir einen Blick auf die Zahlen, wird klar: Das stimmt so nicht. Laut Geosphere Austria konnte man etwa in Wien bis in die 1980er Jahre mit ein bis zwei Tropennächten pro Jahr rechnen. Im Jahr 2023 lag die Anzahl in der Bundeshauptstadt bei 16 Nächten – also achtmal so hoch wie noch vierzig Jahre zuvor. Heuer waren es mit dem Stand 13. August bereits 19, der bisher zweithöchste Wert.*

Auch die Tage werden signifikant heißer. Die Anzahl der Tage mit über 30 Grad hat sich in Wien seit den 1970ern vervierfacht – 2023 waren es 32, dieses Jahr stehen wir bei 23 (Stand 11. August). Diese heißen Tage und Nächte treten häufig aneinandergereiht auf, die Dauer der Hitzeperioden nimmt über die Jahre kontinuierlich zu. Abkühlung wird damit immer schwieriger – nicht nur in der Bundeshauptstadt. Auch in den anderen Bundesländern sind die Entwicklungen dramatisch, wie eine neue interaktive Karte des Complexety Science Hub veranschaulicht.

Auch wenn viele Tageszeitungen diese Hitzeperioden mit Badespaß bebildern, so steht Spaß oft nicht im Vordergrund - vielen Menschen macht die Hitze sehr zu schaffen. Warum das so ist, macht der Vergleich im Detail zwischen heuer (Stand 11. August) und dem Durchschnitt 1961 bis 1980 auf der Messstation Hohe Warte Wien deutlich:

Hitzetage im Vergleich

  • Zahl der Hitzetage 2024: 23
  • Zahl der Hitzetage 1961 bis 1990: 8

Sommertage (25 Grad oder mehr) im Vergleich

  • Zahl der Sommertage 2024: 71
  • Zahl der Sommertage 1961 bis 1990: 40

Tropennächte

  • Zahl der Tropennächte 2024: 19
  • Zahl der Tropennächte 1961 bis 1990: 1

Folgen für uns Menschen…

Besonders stark wirkt sich die Hitze auf Kinder, ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen aus. Im schlimmsten Fall können hohe Temperaturen nicht nur zu Herz-Kreislauf Problemen, sondern auch zum Tod führen. Laut dem Gesundheitsministerium sterben pro Jahr bis zu 500 Personen in Österreich an den Folgen der Hitze.

Betroffen sind aber weit mehr Personen. Wer schon einmal bei 35 Grad Außentemperatur einen Tag im unklimatisierten Büro verbracht hat, weiß: Nicht nur der Computer kann überhitzen. Anhaltende Hitze hat schon ab 26 Grad Raumlufttemperatur Auswirkungen auf jede und jeden von uns: weniger Konzentration, langsamere Reaktion, erhöhte Gereiztheit. Mit jedem weiteren Grad steigt die Gefahr von Arbeitsunfällen und körperlichen Problemen. Am drastischsten sind die Auswirkungen jedoch außerhalb des Büros, wo Arbeiter:innen Sonne und Hitze schutzlos ausgeliefert sind, etwa am Bau. Im Bauwesen zeigen sich in den wärmsten Monaten auch die höchsten Unfallraten.

… die Wirtschaft…

Egal ob Baustelle, Büro, oder Biergarten: die hohen Temperaturen drücken auch auf die Wirtschaft. Neue Ergebnisse eines EU-weiten Forschungsprojekt des Instituts für höhere Studien (IHS) zeigen: Unsere Volkswirtschaft verzeichnet Einbußen durch die Hitze – Tendenz steigend. Besonders betroffen sind Wirtschaftszweige, die auf körperliche Arbeit unter der Sonne angewiesen sind: Der Bausektor, die Landwirtschaft und gewisse Industriesektoren. Auch aus der Gastronomie sind vermehrt Klagen zu vernehmen. Bei hohen Temperaturen bleibt vor allem um die Mittags- und Nachmittagszeit die Kundschaft aus.

Abgesehen vom menschlichen Faktor tun sich zunehmend Materialfragen auf.

Wie lange und zuverlässig hält wichtige Infrastruktur der Hitze stand, etwa Schienen, Energienetze oder auch Straßen? Derweil passiert es noch nicht sehr häufig, dass der Asphalt schmilzt, sich Gleise verformen, oder die Energieversorgung eingeschränkt ist, doch häufiger werden diese Ereignisse allemal.

Auch die Stromerzeugung durch heimische Wasserkraftwerke ist verletzlich gegenüber Hitzeperioden. Im Juli 2022 konnte durch hitzebedingte Ausfälle etwa knapp ein Drittel weniger Strom als im selben Monat des Vorjahres produziert werden.

… und die Natur

Anhaltende Trockenheit und Dürre verursachen erhebliche Schäden in der Forst- und Landwirtschaft und bedrohen damit langfristig unsere Lebensgrundlage. Den historisch weitflächig gepflanzten Fichten geht als Flachwurzler buchstäblich das Wasser aus und der Hitzestress macht sie wiederum anfälliger für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Die Dürre schmälert aber auch die Erträge am Feld.

Und das alles verstärkt sich gegenseitig, denn die Klimakrise sorgt nicht nur für ausbleibenden Regen. Warme Temperaturen machen auch eine längere Wachstumsperiode möglich. Das klingt erstmal gut, aber je länger Pflanzen wachsen, desto mehr Wasser nehmen sie aus dem Boden auf und geben es durch Verdunstung an die Umgebungsluft ab. Regnet es dann nicht genug, kann der Wasserverlust nicht ausgeglichen werden und es wird noch trockener. All das führt zu einem sinkenden Grundwasserspiegel.

Was wir jetzt gegen die Hitze-Auswirkungen tun können

Bleiben wir gleich beim Boden: In kaum einem EU-Land wird so viel versiegelt wie in Österreich. Versiegelte Flächen sind Wärmespeicher und strahlen auch in der Nacht Hitze ab. Grün- und Wasserflächen reduzieren die Oberflächentemperatur im Vergleich zu verbauten Flächen um bis zu acht Grad Celsius. Bäume und Grünflächen in Städten, Flüsse und Bäche, die an die Oberfläche geholt und nicht in Kanälen unter der Stadt geführt werden – all das führt zu einer merklichen Kühlung.

Damit Gebäude sich gar nicht erst so stark erhitzen, gibt es diverse Möglichkeiten zur Außenbeschattung, Fassadenbegrünung und Oberflächenaufhellung. Griechische Städte machen es vor: Durch gezieltes Streichen von Flächen und Dächern mit weißer oder hoch reflektierender Farbe wird weniger Sonnenstrahlung aufgenommen und die Gebäude bleiben kühler. Kühle Luftströme aus den umgebenden Gebieten gilt es, gezielt so zu leiten, dass die heiße Luft aus Städten geblasen wird.

Die Hitze verlangt aber nach mehr helfenden Händen. Mehr Personal in der Pflege, im Rettungsdienst und in den Spitälern kann sich um die steigende Anzahl derer, die durch die hohen Temperaturen gesundheitliche Probleme bekommen, besser kümmern. Gleichzeitig ist es notwendig, Arbeitnehmer:innen durch angepasste arbeitsrechtliche Bestimmungen abzusichern. Wer unsere Gesellschaft samt Infrastruktur am Laufen hält, muss ausreichend von Hitze geschützt werden, um das auch weiterhin tun zu können.

Gegensteuern und anpassen

Es ist notwendig, an vielen Schrauben zu drehen, um uns und unsere Umgebung an die hohen Temperaturen anzupassen und die Schäden, die entstehen, zu minimieren. Klimaanpassungen sind essenziell. Sie dürfen aber Klimaschutz nicht ersetzen. Nur die Reduktion unserer Emissionen kann weiterer Erhitzung vorbeugen.

* In der ursprünglichen Version stand hier "der bisherige Rekordwert". Tatsächlich gab es 2015 – allerdings für das Gesamtjahr betrachtet – 23 Tropennächte auf der Hohen Warte.

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