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Klimapolitik: Strukturwandel gestalten statt ignorieren

Kommentar Sicherheit Kreislaufwirtschaft EU
Freitag, 20.02.2026
Die Ökologisierung ist nicht der Sündenbock für die wirtschaftlichen Herausforderungen. Sie ist der Ausweg daraus. Von Katharina Rogenhofer und Christoph Badelt (Präsident des Produktivitäts- und des Fiskalrats).

Dieser Text erschien am 20. Februar 2024 als Gastkommentar in der Tageszeitung Die Presse.

Seit vielen Monaten kursiert ein Schreckensgespenst durch die heimischen Tageszeitungen: die Deindustrialisierung. Produktionsstandorte werden geschlossen, Beschäftigte entlassen. Österreichs Wirtschaft, so die Meinung vieler Beobachter, ist dabei, sein industrielles Herz zu verlieren.

Halten die aktuellen Prognosen, dürfte die längste Rezession in der Zweiten Republik vorerst zu Ende sein. Aber ein Zurück zu alten, glorreichen Zeiten ist für viele Industriebetriebe nicht abzusehen. Immer häufiger wird dafür in der Klimapolitik der Sündenbock ausgemacht. Maßnahmen für die Emissionsreduktion würden auf Kosten des Wohlstands und der Wettbewerbsfähigkeit gehen, heißt es.

Der Klimapolitik die Schuld an der wirtschaftlichen Situation zu geben wäre aber nicht nur zu einfach, es ist schlicht falsch. Österreichs Wirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Die Wirtschaft schwächelt unter anderem deswegen, weil die Ökologisierung in vielen Bereichen nicht zu schnell, sondern zu zögerlich vorangeht. Das wird an drei Gründen deutlich.

1. Preistreiber Energie

Nichts belastet Österreichs Wirtschaft mehr als die hohen Energiepreise der letzten Jahre. Unterneh­men können nicht wettbewerbsfä­hig produzieren. Auch das Leben für private Haushalte wird schwerer leistbar, der Konsum schwächelt. Die hohen Energiepreise, speziell der Preisschock ab 2022, waren im Wesentlichen eine Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukra­ine – oder genauer: Sie waren Folge der massiven Abhängigkeit Österreichs von russischen Gasimporten. Auch wenn diese nun beendet ist, stammen in Österreich weiterhin fast zwei Drittel des Gesamtenergieverbrauchs aus Energieimporten.

Die Bundesregierung versucht gerade, diese Preisbelastungen mit einem geförderten Industriestrompreis zu drücken. Das kann möglicherweise kurzfristig Abhilfe schaffen, ist aber kostspielig. Dauerhaft leistbare Energie ohne die Gefahr neuer Preisschocks bekommen wir mittel- und langfristig nur, indem wir sie selbst produzieren. Das geht ausschließlich durch erneuerbare Energien. Der aktuelle Produktivitätsbericht empfiehlt daher den konsequenten Ausbau der Windkraft sowie der Speicher und Netze. Zwar erfordert die Energiewende große Investitionen, die Verfügbarkeit von sauberer Energie senkt aber nicht nur die Preise, sondern wird zunehmend zu einer Standortfrage, gerade für energieintensive Industrien oder Datencenter.

2. Zickzack-Politik

Die Planungs- und Investitionshorizonte von Unternehmen strecken sich, gerade wenn es um tiefgreifende Richtungsentscheidungen geht, mitunter über Jahrzehnte. Umso wichtiger sind verlässliche politische Rahmenbedingungen. In diesem Sinne ist es kontraproduktiv, wenn gerade EU-Regeln, nur wenige Jahre, nachdem sie beschlossen wurden, wieder abgeschwächt oder ganz zurückgenommen werden, wie etwa beim Rückzieher vom Ende der Autoabgase 2035 oder von ambitionierten Klimazielen für die Jahre ab 2040. Dieser Zickzack-Kurs unterminiert nicht nur die notwendigen Ambitionen für die Transformation. Er konterkariert das Vertrauen in politische Rahmenbedingungen generell.

Das betrifft im Speziellen auch den Europäischen Emissionshandel, ein marktwirtschaftliches Instrument, das sich bislang als äußerst wirksam erwiesen hat. Der Produktivitätsbericht erkennt zwar die Herausforderungen, die er für Unternehmen verursacht, sieht es aber kritisch, dass dessen Weiterentwicklung (ETS2) gebremst wird. Schließlich werden damit Anreize für den Aufbau wichtiger technologischer Kompetenzen reduziert, was sich im globalen Wettbewerb um saubere Zukunftstechnologien mittelfristig kontraproduktiv für die europäische Wirtschaft auswirken kann.

3. Ungenutztes Potenzial

Und damit kommen wir zum dritten Punkt: Ungenutztes Technologie-Potenzial. Bestehendes Know-how bildet die Grundlage für die einzigartigen Wettbewerbsvorteile der österreichischen Industrie im globalen Markt. Auch das macht der Produktivitätsbericht klar. In nur wenigen Bereichen sind Österreichs Unternehmen heute so innovativ wie bei Umwelttechnologien. Und unter den Umwelttechnologien sticht die Kreislaufwirtschaft besonders heraus. In einer Studie vom Dezember 2025 hat das Kontext-Institut gezeigt, dass die Kreislaufwirtschaft das Potenzial hat, wichtige Industrien, wie die Metallverarbeitung und den Bausektor, nachhaltig zu modernisieren, dabei Energie zu sparen, Emissionen zu vermeiden und Output-Preise zu senken. In einer neuen Studie zeigt Kontext Ende Februar, wie Österreich vom Kreislaufwirtschaft-Pionier zum Pulsgeber in Europa werden kann. Durch die Wettbewerbssteigerung, so die Studie, profitiert die gesamte Wirtschaft. Zudem macht Kreislaufwirtschaft unabhängiger von Rohstoffimporten und schafft damit sicherere Wirtschaftsbedingungen.

Viele Geschäftsmodelle im Bereich der Kreislaufwirtschaft und anderen sauberen Zukunftstechnologien scheitern jedoch an der Skalierung. So bleibt viel wirtschaftliches Potenzial ungenutzt. Mit der Industriestrategie setzt die Regierung an wichtigen Punkten an. Durch bessere Finanzierungsmöglichkeiten kann mehr privates Risikokapital in die Entwicklung fließen. Dazu braucht es auch eine Reform der Forschungsförderung (Fokussierung!), damit ausreichend „pipelines of investable companies“ entstehen. Die öffentliche Beschaffung und Leitmärkte könnten dann gezielt Nachfrage stimulieren, schaffen stabile Absatzmärkte und helfen, mit Innovationen auch auf dem globalen Markt zu reüssieren.

Es steht außer Zweifel, dass die Transformation große Investitionen und ambitionierte politische Maßnahmen erfordert, die viele Unternehmen kurzfristig herausfordern. Nicht alle Unternehmen und Geschäftsmodelle werden diesen Wandel überdauern. Doch damit ein Großteil es tut und viele sogar noch erfolgreicher werden, braucht es eher mehr als weniger Ökologisierung. Saubere Energien und Zukunftstechnologien sind bereits heute vielfach technologisch gegenüber jenen industriellen Produkten und Prozessen überlegen, die auf Kohle, Öl und Gas angewiesen sind. Länder wie China und zunehmend auch Indien haben das erkannt und setzen darauf – nicht aus ökologischem Gewissen, sondern aus strategischem Kalkül.

Die Ökologisierung ist nicht nur die Antwort auf die Klimakrise. Sie ist auch die Antwort auf den globalen Wettbewerb um die Technologien und Industrien der Zukunft. Europa und Österreich haben alle Voraussetzungen, um in diesem Wettbewerb zu bestehen. Das setzt aber voraus, dass wir den tiefgreifenden Strukturwandel mit strategischem Weitblick gestalten, ihn als Chance für Erneuerung verstehen und damit unsere industrielle Zukunft sichern. Wer stattdessen die Klimapolitik zum Sündenbock für die industrielle Misere erklärt, ignoriert diesen stattfindenden Wandel und erweckt letztlich das Schreckensgespenst der Deindustrialisierung tatsächlich zum Leben.

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