Studie: Rohstoffversorgung unter Druck - Kreislaufwirtschaft als Ausweg
KONTEXT und ASCII zeigen: Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen birgt Risiken für die Versorgungssicherheit und gefährdet damit die Wettbewerbsfähigkeit. Kreislaufwirtschaft bietet eine der wirksamsten Maßnahmen gegen diese Verwundbarkeit.
Wien, 12. Mai 2026 – Bei zwölf von 17 strategischen Rohstoffen ist die Versorgung in der EU gefährdet bis stark gefährdet. Bei knapp der Hälfte der Rohstoffe ist China für Österreich das Land mit der höchsten Abhängigkeit. Österreichs Exportwirtschaft ist davon direkt betroffen: mehr als die Hälfte von Österreichs Jahresexporten (97 Milliarden Euro) benötigen kritische Rohstoffe. Besonders exponiert sind die Automobil-, Stahl- und Maschinenbauindustrie. Das zeigt eine Analyse des KONTEXT Instituts auf Basis von Daten des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII). Den besten Weg, um uns aus dieser Abhängigkeit zu befreien, politisch nicht erpressbar zu werden und unsere Wettbewerbsfähigkeit abzusichern, bieten demnach Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft.
„Die Versorgungssicherheit bei kritischen Rohstoffen ist für Europa und Österreich nur erreichbar, wenn wir alle Hebel der Kreislaufwirtschaft nutzen: Von der Reduktion der Nachfrage über Materialeffizienz und Langlebigkeit bis hin zu Wiederverwendung und Recycling“, sagt KONTEXT-Vorständin Katharina Rogenhofer und fügt hinzu: „Mit den richtigen Maßnahmen können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit, die Ökologisierung und digitale Souveränität in einer instabilen geopolitischen Lage absichern.“
„Die Daten zeigen eindeutig: Die Verwundbarkeit unserer Lieferketten ist keine abstrakte Gefahr, sondern eine strukturelle Herausforderung mit direkten wirtschaftlichen Konsequenzen. Mehr Kreislaufwirtschaft kann daher eine doppelte Dividende in Form von mehr Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit einbringen.“, sagt Peter Klimek, Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII).
Starke Verwundbarkeit in der Versorgung und Abhängigkeit von China
Bei acht von 17 strategischen Rohstoffen gilt die Versorgung als stark gefährdet. Dazu zählen Lithium (für Batterien), Seltene Erden (für Permanentmagnete in Motoren, Windturbinen, Elektronik) und Magnesium (für Autos, Verpackungen, Bau). Die höchste Abhängigkeit besteht von China, das für Österreich der wichtigste Lieferant bei acht von 17 strategischen Rohstoffen ist. Besonders verwundbar sind in Österreich die Automobil-, Stahl- und Maschinenbauindustrie, die gemeinsam rund 24 Milliarden Euro an Produkten exportieren, in denen die Lieferketten stark gefährdet sind.
Kreislaufwirtschaft ist die wirksamste Lösung
Um diese Abhängigkeit zu reduzieren, setzte die EU Rahmenbedingungen, um Importländer zu diversifizieren, den Eigenabbau zu fördern und das Recycling kritischer Rohstoffe zu steigern. Die Diversifizierung scheitert aber bei vielen Rohstoffen an mangelnden alternativen Lieferquellen. Der Eigenabbau ist oft politisch unerwünscht und löst das Problem nicht, solange nachgelagerte Verarbeitungsschritte weiterhin außerhalb Europas stattfinden. Auch Recycling ist derzeit begrenzt: Neun der 17 strategischen Rohstoffen werden bisher kaum recycelt. Zudem schränken die fehlenden Verarbeitungskapazitäten die Wirksamkeit des Recyclings in der EU ein.
Notwendig ist daher ein Mix aus politischen Maßnahmen, die über die Angebotsseite hinausgehen und alle Hebel der Kreislaufwirtschaft nutzen. Die Analyse identifiziert fünf zentrale erfolgversprechende Strategien, die je nach Anwendung unterschiedlich relevant sind:
- Reduktion des Rohstoffbedarfs durch Entkopplung, ohne die Bedarfsdeckung oder wirtschaftliche Dynamik zu schmälern (z. B. durch Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, Carsharing, Sanierung oder Energieeffizienzmaßnahmen),
- Steigerung der Materialeffizienz bzw. Ersatz mit zirkulären Materialien. Potential gibt es z. B. durch Leichtbau und Miniaturisierung in der stark betroffenen Automobil- und Stahlindustrie oder verbindliche und marktgerechte Ökodesign-Standards in kritischen Produktgruppen,
- Erhöhung der Produktlanglebigkeit. Potential gibt es z. B. durch „Recht auf Reparatur“ wo technisch machbar und ökonomisch sinnvoll, modulare und standardisierte Bauweisen oder Leihmodelle,
- Wiederverwendung von Produkten und Komponenten (z. B. Zweitnutzung von Batterien elektrischer Fahrzeuge oder modulare Stahlkonstruktionen)
- Ausbau des Recyclings (z. B. Elektronikschrott, Bauabfälle, seltene Erden aus Permanentmagneten)
Politische Maßnahmen notwendig, um Potenzial zu heben
Kreislaufwirtschaft muss in den besonders betroffenen Sektoren und in der Gesamtwirtschaft gestärkt werden. Essenziell sind neben dem Ausbau von Recyclingkapazitäten auch einheitliche Produktstandards für Materialeffizienz und Zirkularität und entsprechende Kriterien in der öffentlichen Beschaffung, die Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie und die Förderung von Reparaturen. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, braucht es also einen Paradigmenwechsel auf politischer Ebene.





